Wolfenbüttel

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1770 wurde Lessing offiziell in sein Amt als Bibliothekar in Wolfenbüttel eingeführt. Das Bibliotheksgebäude, in dem er tätig war, stand in unmittelbarer Nähe des Hofbeamtenhauses (linker Bildrand), das Lessing später bezog. Wahrzeichen der alten Bibliothek war eine große Rotunde, die für viel Licht im Inneren sorgen sollte. Das Gebäude war von 1706 bis 1710 auf Veranlassung des Herzogs Anton Ulrich errichtet worden. Der Bestand wuchs rasch an und zählte bereits in den 1750er Jahren rund 100.000 Schriften. Da die Räume nicht beheizt waren, konnte Lessing nur in den Sommermonaten in der Bibliothek arbeiten. Im Mai 1772 schrieb er seiner Verlobten:

Ach ich stecke itzt in Arbeit bis über die Ohren, und quäle und püffle mich den ganzen Tag. Ich möchte nemlich, was ich in der Bibliothek angefangen habe, ‒ und das ist nichts Geringers, als hundert tausend Bücher in eine völlig andre Ordnung bringen ‒ gern diesen Sommer zu Stande haben […].

An Eva König, 1. Mai 1772

Die ›Rotunde‹ wurde 106 Jahre nach Lessings Tod wegen Baufälligkeit abgerissen. Sie war größtenteils aus Holz und wurde 1887 durch einen Steinbau ‒ das heutige Hauptgebäude der Herzog August Bibliothek ‒ ersetzt. Ein Modell des alten Bibliotheksgebäudes kann im Lessinghaus besichtigt werden.

Ludwig Tacke: Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel, 1888

Bereits 1753 hatte Herzog Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel seine Residenz von Wolfenbüttel nach Braunschweig verlegt. Lessing bewohnte nach seiner Ankunft zunächst von 1770 bis 1776 das obere Stockwerk des Schlosses ‒ der Bibliothek gegenüber. Berühmt geworden ist aus diesen Jahren ein Schreiben an seinen Berliner Freund Friedrich Nicolai (1733‒1811):

Ich wohne in einem großen verlassenen Schlosse ganz allein: und der Abfall von dem Zirkel, in welchem ich in Hamburg herumschwärmte, auf meine gegenwärtige Einsamkeit ist groß, und würde jedem unerträglich sein, der nicht alle Veränderung von Schwarz in Weiß so sehr liebt als ich. Es verlohnte sich der Mühe, daß Sie einmal ihren Weg von Leipzig nach Hause über Wolfenbüttel nähmen. Lassen Sie es lieber diesesmal sein!

An Friedrich Nicolai, 17. Mai 1770

In der ehemaligen herzoglichen Residenz befinden sich heute das Gymnasium im Schloss, das Museum Wolfenbüttel sowie Arbeits- und Konferenzräume der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel.

Schloss Wolfenbüttel, Ostseite

Das Meißnerhaus, in dem sich die Räume der Lessing-Akademie befinden, bewohnte Lessing nicht viel länger als ein Jahr von 1776 bis 1777. Hier verbrachte er das vielleicht glücklichste Jahr seines Lebens. So schrieb er nach der Vermählung mit Eva König am 8. Oktober 1776 in Jork bei Hamburg an seinen Bruder Karl:

Meine Frau kennst Du, ob Du gleich ihrer Dich wohl schwerlich erinnern wirst, weil sie Dich nur ein einzigesmal gesehen, und sie mir es noch oft vorwirft, daß ich Dich damals nicht in ihr Haus gebracht. Wenn ich Dich versichere, daß ich sie immer für die einzige Frau in der Welt gehalten, mit welcher ich mich zu leben getraute: so wirst Du wohl glauben, daß sie alles hat, was ich an einer Frau suche. Wenn ich also nicht glücklich mit ihr bin, so würde ich gewiß mit jeder andern noch unglücklicher geworden sein. Kurz, komm auf den Sommer zu uns, und sieh.

An Karl Lessing, 1. Dezember 1776

Das Meißnerhaus, ursprünglich das Verlagshaus der Gebrüder Meißner, Hofbuchhändler der Herzöge, wird heute von der Herzog August Bibliothek genutzt. Lessing bewohnte mit seiner Familie sechs Zimmer im ersten Stock, das Erdgeschoss war den Vermietern Meißner vorbehalten.

Meißnerhaus am Schlossplatz in Wolfenbüttel

Vier Jahre lang war es Lessing vergönnt, den Luxus eines Hofbeamtenhauses zu genießen, wenngleich er ‒ wie oftmals in seinem Leben ‒ auch in dieser Zeit über seine finanzielle Lage klagte. In diesem Haus schrieb er sein wirkungsmächtigstes Theaterstück Nathan der Weise. In diese Zeit fällt allerdings auch eines der traurigsten Kapitel seines Lebens. Nur wenige Wochen nach seinem Einzug verstarb am 25. Dezember 1777 sein Sohn Traugott, der seine Geburt nur zwei Tage überlebte. Am 10. Januar 1778 schied auch die Mutter des Jungen, Lessings Frau Eva, aus dem Leben. Seinem Schmerz hat Lessing in einem berühmt gewordenen Brief an seinen Bruder Ausdruck verliehen:

Ich habe nun eben die traurigsten vierzehn Tage erlebt, die ich jemals hatte. Ich lief Gefahr, meine Frau zu verlieren, welcher Verlust mir den Rest meines Lebens sehr verbittert haben würde. Sie ward entbunden, und machte mich zum Vater eines recht hübschen Jungen, der gesund und munter war. Er blieb es aber nur vier und zwanzig Stunden, und ward hernach das Opfer der grausamen Art, mit welcher er auf die Welt gezogen werden mußte. Oder versprach er sich von dem Mahle nicht viel, zu welchem man ihn so gewaltsam einlud, und schlich sich von selbst wieder davon? Kurz, ich weiß kaum, daß ich Vater gewesen bin. Die Freude war so kurz, und der Betrübniß ward von der größten Besorgniß so überschrieen! Denn die Mutter lag ganzer neun bis zehn Tage ohne Verstand, und alle Tage, alle Nächte jagte man mich ein paarmal von ihrem Bette, mit dem Bedeuten, daß ich ihr den letzten Augenblick nur saurer mache. Denn mich kannte sie noch bey aller Abwesenheit des Geistes. Endlich hat sich die Krankheit auf einmal umgeschlagen, und seit drey Tage habe ich die zuverlässige Hoffnung, daß ich sie diesmal noch behalten werde, deren Umgang mir jede Stunde, auch in ihrer gegenwärtigen Lage, immer unentbehrlicher wird.

An Karl Lessing, 5. Januar 1778

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Lessinghaus als Museum genutzt. 1978 wurde schließlich eine Dauerausstellung zu Lessings Leben und Werk eingerichtet, die sich auf die Lebensjahre in Wolfenbüttel konzentrierte. Das Lessinghaus wird heute von der Herzog August Bibliothek verwaltet und zeichnet mit dem Blick moderner Museumsdidaktik ein vielschichtiges Porträt von Lessing. Berücksichtigung findet dabei nicht nur die Beziehung zu Wolfenbüttel, sondern auch Lessings vielgestaltiges Schaffen. Weitere Informationen erhalten Sie hier.

Lessinghaus

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Lessing-Akademie e.V. Wolfenbüttel
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38304 Wolfenbüttel

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