Lesung an Lessings Grab

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© Fotos: Cord-Friedrich Berghahn u. Manuel Zink

Am 15. Februar 1781, vor 241 Jahren, ist Lessing in Braunschweig gestorben. Die Lessing-Akademie hat, wie in jedem Jahr, am Grab Lessings auf dem Magnifriedhof in Braunschweig eine Gedenkfeier abgehalten mit Texten von Lessing, Johann Friedrich Schink, Johann Gottfried Herder, Hannah Arendt und Friedrich Schlegel.

Ihr niedern Töne schweigt! Von Pracht und Glanz entzücket,
Sei ich zun Sternen jetzt mir und der Welt entrücket.
Ein dichtungswürdgrer Stoff, als Liebe Scherz und Wein,
Soll, voll kühner Glut, des Liedes Inhalt sein.

Beherzter als Columb tret ich den Luftweg an,
Wo leichter als zur See die Kühnheit scheitern kann.
Mag doch die Sinnlichkeit des frommen Frevels fluchen!
Genug, die scheitern schön, die scheiternd Welten suchen.

Lessing: Gedicht über die Mehrheit der Welten

Es ist die erste Glükseligkeit meines Lebens, daß ich diesen einzigen, unerreichlichen Schriftsteller Teutschlands kennen gelernt habe. Es ist mein Stolz, daß er mir ganze Tage an seiner Seite zu sein erlaubte. Es ist mein Ru[h]m, daß er es war, der mich für Drama und dramatische Kunst aufmunterte, zu einer Zeit aufmunterte, als dieses mein Talent noch ganz im ersten Keim schlummerte, als die ganze Spanne meines Lebens einen Raum von neunzehn Jahren ausmachte. Es ist meine Unsterblichkeit, daß eben dieser Mann mich vor zwei Jahren seiner Aufmunterung noch immer würdig fand, mir sagte: daß ich seine Hoffnungen erfüllt hätte und noch erfüllen würde! O noch ganz erwärmt das Gefü[h]l der Glükseligkeit, ganze Tage um ihn sein, ganze Tage alle Empfindungen meines Kopfs und Herzens ihm vorplaudern, und mich zurechtweisen und bessern lassen zu können, mein ganzes Herz. Und der Stolz, seiner Aufmunterung für würdig gefunden zu sein, der Ru[h]m, diese Aufmunterung in späteren Jahren von ihm bestätigt gefunden zu haben, erhebt mich über alles Zischen und Zäneblöken, was Neid und Dumheit, Kabbale und Schadenfreude, Bosheit und Gekkerei etwa für mich in Bereitschaft hält, und halten wird.

Johann Friedrich Schink: Dramaturgische Fragmente

Man wird sich fragen: wo ist nun der Denker, der helle, tiefblickende, weitumschauende Philosophische Denker, der uns diesen Denker ‒ wo ist der Schriftsteller, der uns diesen Meister in der Kunst der Komposition und Darstellung ‒ wo ist der Kenner der menschlichen Natur, der uns diesen Menschenkenner ‒ wo ist der Mann von Geschmack und seinem scharfen, sichern Urtheile, der uns diesen Mann ersetzen könne? Und man wird keine Antwort geben können.

Johann Gottfried Herder: Leßings Tod

Lessing hat mit der Welt, in der er lebte, seinen Frieden nie gemacht. Sein Vergnügen war, »den Vorurteilen die Stirne zu bieten« und dem »vornehmen Hofpöbel […] die Wahrheit zu sagen«; und wie teuer er für diese Vergnügungen bezahlt haben mag, es waren Vergnügungen im wörtlichen Sinne. Er selbst hat einmal […] gesagt, daß »alle Leidenschaften, auch die allerunangenehmsten, als Leidenschaften angenehm« sind, weil wir uns bei [… ihnen] eines größern Grads unserer Realität bewußt sind«. […]

Das Lessingsche Denken steigt nicht aus dem Menschen auf, und in ihm gibt sich nicht ein Selbst kund, sondern der Mensch […] entschließt sich zu ihm, weil er im Denken schließlich auch eine Art und Weise entdeckt, sich in Freiheit in der Welt zu bewegen. Von allen […] Freiheiten, die uns in den Sinn kommen mögen, wenn wir das Wort Freiheit hören, ist die Bewegungsfreiheit nicht nur die historisch älteste, sondern auch die elementarste […].

Hannah Arendt: Gedanken zu Lessing: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten

Wenn kalte Zweifler selbst prophetisch sprechen,
Die klaren Augen nicht das Licht mehr scheuen,
Seltsam der Wahrheit Kraft in ihren Treuen
Sich zeigt, den Blitz umsonst die Wolken schwächen;

Dann wahrlich muß die neue Zeit anbrechen,
Dann soll das Morgenrot uns doch erfreuen,
Dann dürfen auch die Künste sich erneuen,
Der Mensch die kleinen Fesseln all zerbrechen.

»Es wird das Evangelium kommen«,
So sagte Lessing, doch die blöde Rotte
Gewahrte nicht der aufgeschlossnen Pforte.

Und dennoch, was der Teure vorgenommen,
Im Denken, Forschen, Streiten, Ernst und Spotte,
Ist nicht so teuer wie die wen’gen Worte.

Friedrich Schlegel: Etwas das Lessing gesagt hat

So bald der Mensch sich kennt,
Sieht er, er sei ein Narr;
Und gleichwohl zürnt der Narr,
Wenn man ihn also nennt.

So bald der Mensch sich kennt,
Sieht er, er sei nicht klug;
Doch ists ihm lieb genug,
Wenn man ihn weise nennt.

Ein jeder, der mich kennt,
Spricht: welcher Sonderling!
Nur diesem ists Ein Ding,
Wie ihn die Welt auch nennt.

Lessing: Der Sonderling

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