Freitag, 30.07.2010

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Lessing-Preis für Kritik


Pressenotizen zur Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2010 an Kurt Flasch

Der gemeinsam von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel und der Braunschweigischen STIFTUNG NORD/LB·ÖFFENTLICHE vergebene Lessing-Preis für Kritik 2010 ergeht an den Philosophen Professor Dr. Kurt Flasch. Der Preis wird, analog zur kritischen und risikofreudigen Tätigkeit Lessings, nicht für nur fachspezifische Kritik, sondern für Kritik in einem umfassenderen Sinn verliehen. Es zählt zu seiner Besonderheit, daß der Preisträger einen Förderpreisträger seiner Wahl bestimmt. Der Lessing-Preis für Kritik ist mit insgesamt 20.000 (15.000 + 5.000) Euro dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen. Zur Jury gehören die Literaturkritikerin und USA-Korrespondentin der Neuen Züricher Zeitung Andrea Köhler, der Göttinger Germanist Wilfried Barner, der Göttinger Historiker Hans Erich Bödeker, der frühere Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Werner Knopp, und der Direktor der Herzog August Bibliothek, Helwig Schmidt-Glintzer. Der Preis wird im Mai 2008 in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel überreicht. Preisträger der Jahre 2000, 2002, 2004, 2006 und 2008 waren Karl Heinz Bohrer, Alexander Kluge, Elfriede Jelinek, Moshe Zimmermann und Peter Sloterdijk.

Den Förderpreis erhält die 1979 in Apulien geborene, in Köln arbeitende Philosophiehistorikerin Dr. Fiorella Retucci . Die Laudatio auf Kurt Flasch hält der Berliner Literaturwissenschaftler und Komparatist Professor Dr. Norbert Miller.

Begründung der Jury zur Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2010

»Mit dem Philosophiehistoriker Kurt Flasch ehrt die Jury einen leidenschaftlichen Denker und eigenwilligen Geist, der die spätantike und mittelalterliche Philosophie für die Ge­genwart neu erschlossen hat. Seine einzigar­tige Vertrautheit mit dieser Epoche hat er zuletzt mit dem im Jahr 2008 erschienenen Werk »Kampfplätze der Philosophie« unter dem Aspekt der »Großen Kontroversen von Augustinus bis Voltaire« unter Beweis ge­stellt.

Stets zeichnen sich Flaschs von keiner Schul­richtung bestimmte Fragestellungen durch ihre Unabhängigkeit und Originalität aus. In der Frage vermeintlicher Deutungshoheiten fordern sie die kritische Einlassung mit der Gesellschaft und ihren politischen Instanzen. Philosophie darf praktisch sein und soll sich aktuellen Problemen stellen. Mit der im Jahr 2000 erschienenen Studie »Die geistige Mo­bilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg« hat Flasch ein Feld der jüngeren Zeitgeschichte betreten und gezeigt, in welchem Ausmaß der Erste Welt­krieg auch als Krieg des Geistes und als Sündenfall der akademischen Elite Deutschlands zu begreifen ist.

Seine stark von Nietzsche inspirierte Sicht auf die intellektuelle Entwicklung der euro­päischen Philosophie faßt Flasch in seiner Bochumer Abschiedsvorlesung aus dem Jahr 1995 unter dem Titel »Warum ich nicht mehr Christ sein kann« zusammen, die zugleich den eigenen Werdegang im Sinn einer intel­lektuellen Biographie reflektiert. Witz und Esprit seiner Lehrveranstaltungen und öf­fentlichen Vorträge sind legendär. Flasch ist es damit gelungen, auch junge Menschen für seine unkonventionellen Themen zu begeis­tern. Große Anerkennung hat der »Grand­seigneur der Geistesgeschichte des Mittelal­ters« auch durch seine fundierten Quellen-Kenntnisse, seine Editorentätigkeit und sei­nen brillanten Stil gefunden.

Mit Lessing verbindet Kurt Flasch die Über­zeugung, Wahrheit nicht als »Besitz« zu ver­stehen. Wie der Aufklärer entwickelt er seine Themen aus den weitgespannten Zusam­menhängen der Geistesgeschichte. Er schreibt auf die Öffentlichkeit zu und ver­dankt, wie Lessing, seinen streitbaren Urtei­len auch Gegner. Auch Flaschs Leitmotiv, intellektuelle Auseinandersetzungen als den wesentlichen Antrieb der Philosophie zu verstehen, erinnert an Lessing: nicht ›ewige Wahrheiten‹, sondern Philosophie als Diffe­renz- und Konfliktbestimmung.«

Zu den Preisträgern

Kurt Flasch

Vita: *12. März 1930 in Mainz. Studium der Philosophie, Geschichte, Gräzistik und Germanistik an der Albertus-Magnus-Akademie in Walberberg und in Frankfurt am Main. 1956 Promotion unter Johannes Hirschberger und Max Horkheimer. 1969 Habili­tation. 1970-1995 Ordinarius für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum.

Zu Flaschs Werken zählen Gesamtdarstellungen der mittelalterlichen Philosophie, Schriften zur Spätantike und Darstellungen einzelner Philosophen. Der Schwerpunkt sei­ner Arbeiten ist philosophiehistorisch, wobei für Flasch die spezifische Selektion der Philosophiegeschichte bereits Teilinterpreta­tion ist. Darum gibt es auch keinen Anspruch auf Endgültigkeit der Philosophiege­schichte, vielmehr erscheint sie als Verhandlungsforum des zeitgenössischen Denkens. Flaschs Verständnis von Philosophie schließt ihre Verquickung mit der Gesellschaft, insbeson­dere mit der politischen Macht und den vermeintlichen Deutungshoheiten ein. Philoso­phie dürfe ruhig praktisch sein und sich aktuellen Problemen stellen, nicht nur in Krisen­situationen. Seine christentumskritische, stark von Nietzsche inspirierte Sicht auf die intel­lektuelle Entwicklung der europäischen Philosophie faßt Flasch in seiner Ab­schieds­vor­lesung »Warum ich nicht mehr Christ sein kann« (WS 1994/95) zusam­men.

Witz und Esprit seiner Vorlesungen und Seminare zu Antike, Mittelalter und Renaissance sind legendär. Er wurde als »Grandseigneur der Geistesgeschichte des Mittelalters« be­zeichnet, anerkannt sind auch seine fundierten Quellen-Kenntnisse, seine Editorentätig­keit und sein brillanter Stil (Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa im Jahr 2000). Interesse am Zusammenhang von Vergnügen und Vernunft dokumentieren seine Übersetzung und Deutung ausgewählter Geschichten aus dem »Decameron« Boccaccios. In dem 2008 erschienenen Werk »Kampfplätze der Philosophie – Große Kontroversen von Augstinus bis Voltaire« behandelt Flasch die großen Kontroversen im christlichen Mittelalter, die Aus­einandersetzung Erasmus-Luther und die Streitfragen zwischen Leibniz und Locke bzw. Bayle. Europäische Philosophie- als Auseinandersetzungsgeschichte: es erin­nert an Lessing, daß diese Auseinandersetzungen zumeist das Verhältnis von Glauben und Vernunft thematisieren und kulturelle Konflikte ihrer Zeit auf den Begriff bringen, die nicht einfach nur Vergangenheit sind. Flasch führt vor, wie die phi­lo­so­phischen Debatten aus den lebenspraktischen Bedürfnissen der Zeit hervorgingen. An Lessing erinnert auch Flaschs Leitmotiv, den intellektuellen Streit und Konflikt als An­trieb und Kern der Philosophie zu verstehen.

Flasch ist Mitglied der Accademia Nazionale die Lincei, der Toscanischen Akademie der Wis­senschaften und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Buchveröffentlichungen (Auswahl)

- Ordo dicitur multipliciter. Eine Studie zur Philosophie des ordo bei Thomas von Aquin. 1956.
- Augustin. Einführung in sein Denken. 1980.
- Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Macchiavelli. 1986.
- Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Ver­such. 2000.
- Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930-1949. 2002.
- Vernunft und Vergnügen. Liebesgeschichten aus dem Decameron. 2002.
- Philosophie hat Geschichte. Band 1: Historische Philosophie. Beschreibung einer Denkart. 2003.
- Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. Historisch-philosophische Studie. Text – Übersetzung – Kommentar. 2004.
- Philosophie hat Geschichte. Band 2: Theorie der Philosophiehistorie. 2005.
- Eva und Adam. Wandlungen eines Mythos. 2005.
- Meister Eckhart. Die Geburt der ›Deutschen Mystik‹ aus dem Geist der arabischen Philosophie. 2006.
- Dietrich von Freiberg. Philosophie, Theologie, Naturforschung um 1300. 2007.
- Kampfplätze der Philosophie Große Kontroversen von Augstinus bis Voltaire. 2008.
- Nikolaus von Kues. Geschichte einer Entwicklung. Vorlesungen zur Einführung in seine Philoso­phie. 2008.

Auszeichnungen


2000 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.
2009 Hannah-Arendt-Preis.

*

Fiorella Retucci


Vita: Geboren 1979 in Apulien. Hochschulabschluss 2003 an der Universität Lecce in Mittelalterlicher Philosophie bei Professor Dr. Loris Sturlese. Promotion 2007 am Lehrstuhl für mittelalterliche Philosophie an der »Università degli Studi di Lecce« und an der Universität Köln. 2003-2006 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klassische Philologie und Philosophie der Universität Lecce. Seit 2006 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Thomas–Institut im Rahmen der Herausgabe der Durandus-Edition (DFG-Foschungsprojekt). Ihr primäres Forschungsgebiet ist die Edition mittelalterlicher philosophischer und theologischer Texte.

Veröffentlichungen

- Bertholdus de Mosburch, Expositio super Elementationem theologicam Procli, prop. 136-159, hrsg. von Fiorella Retucci mit einer Einleitung von Loris Sturlese. 2007.

- Tommaso di York, Eustrazio e la dottrina delle idee di Platone, in: Per perscrutationem philosophicam. Neue Perspektiven der mittelalterlichen Forschung. L. Sturlese zum 60. Geburtstag gewidmet. Herausgegeben von A. Beccarisi, R. Imbach und P. Porro. 2008.


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